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Projektvorstellung

Der Freizeitverkehr folgt einer Spirale, die sich in den nächsten Jahren noch weiter aufdrehen wird. Die Probleme sind erkannt. Trotzdem haben herkömmliche Maßnahmen insbesondere im Freizeitverkehr bisher kaum Wirkungen gezeigt. Das Projekt will für die Lösung einen Neuansatz erschließen - die Raumpartnerschaft. Raumpartnerschaft bedeutet die Etablierung fester Austauschbeziehungen öffentlicher und privater Akteure zwischen Kontrasträumen, wie z. B. einem Ballungsgebiet und einem ländlichen Raum.

Das Projekt stellt sich drei Problemen des Freizeitverkehrs:

  • Immer häufiger: Menschenleere Wohnquartiere an Wochenenden und in Ferienzeiten, überlastete Tourismusorte, Staus stören in städtischen Gebieten genauso wie in ländlichen Regionen.
  • Immer kürzer: Die Freizeit wird Stresszeit; man fährt von Ort zu Ort; die Ruhe und Erholung, Zeit für sich und andere, kommen zu kurz. Da man nie wirklich "ankommt", bleibt wenig Zeit für Kontakte am Erholungsort.
  • Immer weiter: Moderne Nomaden stoßen auf Sesshafte: an den Einfallstraßen in die Städte, innerhalb der Städte, in den für Ruhe und Genuss aufgesuchten Fremdenorten. Freizeitansprüche stoßen auf Alltagsansprüche.
Es handelt sich um anwendungsbezogene Forschung mit dem Ziel, beispielhaft zwei Raumpartnerschaften zu begründen.

Die Begleitforschung wird interdisziplinär auf mehreren Ebenen durchgeführt. Beteiligt sind Vertreter der Verkehrswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und der Geschichtswissenschaft aus Deutschland und der Schweiz. Durchgeführt wird das Projekt an den Beispielen Berlin und Usedom, Berlin und einer noch zu bestimmenden Region in Brandenburg sowie in Zürich und seinem Naherholungsgebiet Graubünden.

Entwicklung nachhaltiger Auffanglösungen

In der Verkehrswissenschaft herrscht die Überzeugung, daß der Freizeitverkehr aufgrund seiner heterogenen Struktur und gesellschaftlichen Ventilfunktion auch in Zukunft kaum politisch direkt gestaltbar ist. Für eine effektive Verkehrsplanung gilt es, die wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen und Entwicklungen in die verkehrserzeugenden Bereiche einzubinden:

Bündelungsmöglichkeiten für den Freizeitverkehr

Die breite Variation von Zielpunkten des Reisens, der individuellen Wahl und der möglichst weiten Attraktionsradien führen zu maximaler Zerstreuung der Bewegungen. Neue Kontrastangebote werden erschlossen, die mit den alten, gesättigten konkurrieren. Das Dispersionsszenario steht somit einem Bündelungsszenario, das Verkehrsströme zusammenfassen läßt, entgegen. An diesem Widerspruch setzt das Vorhaben mit dem Ziel einer Attraktivitätssteigerung des öffentlichen Nahverkehrs an. Konkretes Ziel ist der Umbau des ÖPNV von einem Verkehrsmittel für Berufs- und Schülerverkehre zu einem freizeitverkehrsfähigen Gemeinschaftsverkehr. Erst dann ist die Verknüpfung von schnellem Massenverkehr auf Verkehrsachsen durch Schnellbusse und Bahnen mit der echten Flächenbedienung (many-to-many) im Zubringer-, Verteiler- und Binnenverkehr möglich.

Substitution von Fernreiseverkehr

Die hier vorgeschlagenen Raumpartnerschaften sollen Ferntourismus durch ressourcenschonende Angebote in der Nähe in gewissem Umfang ersetzen. Ein Leitbild "Kurzreisen als Wachstumsmarkt" kann die Zahl der Freizeitreisen weiter ansteigen lassen und zugleich - im Gesamtsystem - den Verkehrszuwachs begrenzen. In diesem Zusammenhang ist der Begriff nachhaltiger Wachstumschancen sinnvoll.

Aufbauend auf den Ansatz der Berliner Verkehrswissenschaft setzt der Ansatz der Schweizer Projektpartner durch die divergierenden Voraussetzungen auf eine quantitativ-empirische Vorgehensweise. Dabei konzentriert sich diese auf folgende Fragestellungen:

Freizeitverkehr nachhaltiger gestalten

Ziel des Fachgebietes "Technik und Gesellschaft", Teilprojekt Politikwissenschaft, ist es, Raumpartnerschaften im Sinne von Netzwerken öffentlicher und privater Akteure als ein innovatives Instrumentarium zu entwickeln, um Freizeitverkehr nachhaltiger zu gestalten. Diese Zielsetzung wird mit der Stärkung regionaler wirtschaftlicher Strukturen und sozialer Kohäsion verbunden, um ökonomische Unsicherheit und soziale Spannung abzubauen. Um dieses Ziel zu erreichen wird versucht, alle für die Freizeitgestaltung relevanten Entscheidungsprozesse öffentlicher Akteure in die Erfassung des Freizeitverkehrs und schließlich in die Modellierung einer Raumpartnerschaft einzubinden.

Ressourcenschonung durch Raumpartnerschaften

Raumpartnerschaften sind sowohl in Nah- als auch in Fernerholungsräumen denkbar. Sie können entstehen, wenn es Reise-, Pendler- und Austauschbeziehungen zwischen Räumen gibt. Die Idee der Raumpartnerschaften ist nicht einseitig auf die Bedürfnisse von Städtern ausgerichtet, sondern bezieht sowohl die Interessen der Touristen (Stammpendler) als auch der Bewohner/innen aus den Erholungsgebieten ein. Durch Raumpartnerschaften soll eine effizientere und bewusstere Nutzung natürlicher Ressourcen erzielt werden.

Raumpartnerschaften als Akteursnetzwerke

Das Fachgebiet "Technik und Gesellschaft", Teilprojekt Politikwissenschaft, setzt auf Abstimmungs- und Optimierungspotentiale durch eine Kooperation von unterschiedlichsten Akteuren, die im Bereich Tourismus, Verkehr und Freizeit agieren. Dazu gehören zum Beispiel Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft, aus Wirtschafts-, Verkehrs- und Umweltverwaltungen, Vertreter aus Fremdenverkehrsverbänden oder Reiseveranstalter am Wohn- und Arbeitsort sowie am Erholungsort. Weiterhin sollen Verkehrsdienstleister (z.B. Deutsche Bahn, Car-Sharing-Unternehmen, Bus-Unternehmen, Mobilitätszentralen u.a.) in die Vernetzung einbezogen werden. Ziel des Projektes ist es, innovative Stadt-Land-Kooperationsformen unter Beteiligung der relevanten Akteure zu entwickeln.

Kontrastraumhypothese und Mobilitätsverhalten

Die Soziologie geht davon aus, daß eine Beziehung zwischen den Lebensbereichen Arbeit und Freizeit besteht, die mit einem spezifischen raumpartnerschaftlichen Verhalten korrespondiert, wie es z.B. in der Beziehung zwischen dem Großraum Zürich und der Südostschweiz (Graubünden) beobachtet wurde. Darüber, wie sich diese Beziehung gestaltet, gibt es verschiedene soziologische Hypothesen, sog. "Freizeitmodelle", wie das Kompensations-, das Generalisations-, das Kongruenz- und das Unabhängigkeitsmodell.

Das psychologische Teilprojekt greift einige dieser Hypothese auf und entwickelt daraus zwei Forschungsschwerpunkte. Zum einen zielt sie auf die Ausdifferenzierung und Reformulierung der "Kontrastraumidee" und damit auf die Untersuchung der Reise- oder Ausflugsmotivation und den Anforderungen an Kontrasträume. Diese Fragestellung soll mit einem Zielgruppenansatz verbunden werden, der Kontrastwünsche verschiedener gesellschaftlicher Submilieus ermittelt. Darüber hinaus fahndet sie nach den Gründen, die zu einer bestimmten Verkehrsmittelwahl führen; dabei interessieren sowohl die Verkehrsmittel, die zum Erreichen des Reise- oder Ausflugsziels gewählt werden als auch jene, die vor Ort bevorzugt genutzt werden.

Kontrastraum als Kompensationschance

Die Kontrastraumidee korrespondiert mit dem Kompensationsmodell, das besagt, daß die Freizeitgestaltung von der Bedürfnisbefriedigung in der Arbeitszeit abhängig ist. In der Freizeit wird versucht, einen Ausgleich gegenüber der Arbeit zu erreichen. Die Lebensbereiche, die im (Arbeits-)Alltag keine, oder nicht genügend Befriedigung erfahren, können in der Freizeit neu belebt werden.

Für unser Anwendungsziel - wie kann man Menschen dazu motivieren, an einer Raumpartnerschaft teilzunehmen - muß diese Hypothese differenzierter betrachtet werden. Der alleinige Bezug auf die Arbeit greift hier zu kurz. Wir verfolgen deshalb einen "ganzheitlichen" Ansatz, der vom Alltag der Betroffenen (Arbeit, Wohnen, Familie) ausgeht. Die zu klärende Frage ist dann, in welchen Dimensionen Kompensation, in welchen vielleicht eher Kongruenz gesucht wird. Eine gängige Vorstellung in dieser Richtung wäre, daß der Städter Natur sucht (Kompensation), oder daß Angehörige gehobener sozialer Milieus auch in ihrer Freizeit entsprechenden Mustern folgen (z.B. Luxushotel; Kongruenz).

Es soll also darum gehen festzustellen, ob, und wenn ja, wie Freizeitverhalten als kompensatorisches Verhalten interpretiert werden kann. Darüber hinaus sollen die Erlebnisqualitäten ermittelt werden, auf welchen ein Kontrast stattfindet. Schließlich werden aus diesen Überlegungen Schlußfolgerungen für die Gestaltung von Räumen zur Freizeitnutzung formuliert.

Interaktion von Verkehrsmittelwahl und Freizeit

Die beliebtesten Freizeitfortbewegungsmittel der Deutschen sind das Auto und das Flugzeug. Dabei handelt es sich zugleich um jene Verkehrsmittel, die das größte Problem für die Umwelt darstellen. Bahn und Bus hingegen haben im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer mehr an Attraktivität verloren.

Die Gründe dafür liegen zum Teil auf der Hand, sind darüber hinaus aber auch ausreichend erforscht. Im Rahmen unserer Arbeit soll es darum gehen, wie die praktischen und die psychologischen Vorteile der ökologisch problematischen Verkehrsmittel noch stärker bei der Gestaltung ökologisch günstiger Verkehrsangebote berücksichtigt und wie darüber hinaus Entscheidungsprozesse für oder gegen ein ökologisch günstiges Verkehrsangebot positiv beeinflußt werden können.

Die Wahl eines Verkehrsmittels wird dabei als Bestandteil des Freizeitunternehmens und damit auch ausschließlich in diesem Kontext betrachtet. Das bedeutet, daß auch diese Frage in eine Zielgruppensegmentierung einfließen sollte. Vor diesem Hintergrund können dann bedarfs- und bedürfnisgerechte Innovations- und Interventionsvorschläge abgeleitet werden.

Gewachsene Beziehungen

Das historische Teilprojekt zur Untersuchung von Kontrasträumen und Raumpartnerschaften will mit kulturhistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen zur Modellbildung zu den Komplexen "Tourismus" und "Freizeitverhalten" beitragen. Desweiteren soll die Erhebung historischer Strukturdaten der Kontrasträume die zukunftsfähigen Nutzungspotentiale "historischer Ressourcen" ausloten, sowie die Daten den anderen Teilprojekten zur Verfügung stellen.

Konkret werden das historische Reiseverhalten zwischen den Kontrasträumen (z.B. Berlin-Usedom), die Anwesenheitszeiten von Touristen in dem jeweiligen Kontrastraum, die Besitzstrukturen bezüglich Ferien- und Wochenendobjekten sowie generell die Stadt-Land-Beziehungen untersucht.

Die zu untersuchenden Kontrasträume werden mit geschichtswissenschaftlichen Methoden charakterisiert, um allen am Forschungsprojekt beteiligten Disziplinen eine Orientierungsgrundlage zu bieten.

Von der Geschichte als Ressource zum Institutionalisierten Verhalten

Für die Geschichtswissenschaft als verhaltensbezogene Wissenschaft ist von Interesse, welche kulturanthropologischen Zugänge zu Geschehen und Erleben in Kontrasträumen möglich sind, und welche Faktoren die langfristigen Veränderungen im historischen Prozeß des Reiseverhaltens bestimmen. Die Reise als anthropologische Struktur und der Reisende als allgemeiner Akteur bilden dabei die grundlegenden Untersuchungsobjekte.

Für die anvisierte Errichtung von raumpartnerschaftlichem Verhalten bleibt zu klären, ob "institutionalisiertes" Verhalten notwendig auf wie auch immer geartete Institutionen angewiesen ist, oder nicht jede Form tradierten Verhaltens als "Institutionalisierung" verstanden werden kann. Dies wirkt sich umgehend auf die Untersuchungsparameter aus, denn dann sind Frequenz, Wiederkehr, Entscheidungsverhalten und generelle Öffentlichkeit von Verhaltensweisen als entscheidende Kriterien institutionalisierten Verhaltens anzusehen.

Da man davon ausgehen kann, daß informelle, d.h. nicht öffentlich institutionalisierte Raumpartnerschaften schon existieren, bzw. gelebt werden, stellt sich für das Forschungsprojekt die Frage, wie mit geschichtswissenschaftlichen Methoden solch vorformelles raumpartnerschaftliches Verhalten aufgespürt, wie diese informellen Grundmuster menschlicher Wahrnehmung und individuellen Verhaltens von und in Kontrasträumen für den Aufbau eindeutiger Raumpartnerschaften genutzt werden können und welche "historischen Ressourcen" die unterschiedlichen Kontrasträume als Potential einer zukünftigen Raumpartnerschaft "mitbringen".

© 2001 Forschungsprojekt: "Kontrasträume und Raumpartnerschaften" - TU-Berlin - Webmaster